Zur Lage der Meinungsfreiheit

Es geht mir gut. Richtig gut. Tarantino hätte mir, wie in „From dusk till dawn“ den Satz „Mir scheint die Sonne aus dem Arsch“ in den Mund gelegt.

Sie schauen etwas verwundert. Es regnet. Es ist kalt. Der Eyeliner saß auch schon mal besser.

Ja, es kann einem auch gut gehen in diesem Land der Luxusprohleme, in dem offen gelassene Zahnpastatuben zur Mikrokatastrophe werden. Im Grunde geht es hier den wenigsten schlecht. Schon allein der Umstand, dass jeder sich über Zahnpastatuben aufregen kann, ohne in ein feuchtes Kellerverlies gezerrt zu werden, ist viel Wert.

Ich verzweifele nur manchmal an der Wahrnehmung dieser Freiheiten. Verstehen Sie mich nicht falsch. Nach dem oftmals falsch zugeschriebenen Zitat Descartes‘ würde ich mich auspeitschen lassen, damit sie Ihre Meinung äußern dürfen. Er sagte das aber aus völlig egoistischen Gründen. Denn die Freiheit des anderen ist die eigene Freiheit. Und die muss ohne Bedingung bestehen – bis darauf, sie einzuschränken.

Zur Lage der Meinungsfreiheit

Das letzte Universalgenie

Kennen Sie Steve Buscemi ? Der Mann ist Schauspieler, meistens in Nebenrollen. Steve kann so ziemlich alles nebenrollen, was man sich so vorstellen kann. Berufskiller, Pizzabote , Stehlampen. Sehr vielseitig, aber vielleicht mangelt es deshalb auch an Hauptrollen. Trotzdem – Steve ist toll.

Aber um den guten Steve geht es gar nicht in meinem heutigen Blogartikel.

Kennen Sie denn Julian Nida-Rümelin ? Das ist Deutschland's letztes Universalgenie, quasi der Steve Buscemi der deutschen Hintergrundpolitik. Schon dieser Name zerfließt ja quasi auf dem Frontallappen.

Julian

Heute müsste man dazu wohl in einem ökologisch-autofreien Wohnprojekt mit eigener Kläranlage den Blockwart machen um so zu heißen, aber 1954 hießen Kinder von Bildhauern so. Jetzt hat dieser Julian als offizielle Berufsbezeichnung wohl „Philosoph“, aber das stand bei Galilei wohl auch auf der Visitenkarte. Und Philosophie, das ist ja schliesslich die Wiege sämtlicher Wissenschaften. Professor darf er sich nennen und ein Feingeist ist er auch. Kulturstaatssekretär war er im Schröder-Regime. Und Julian ist der dritte deutungsmächtige Mensch in Deutschland, sagt der „Focus“. Ich bitte um Nachsicht für diese Quelle.

Deutungsmächtiger Nummer Drei

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Deutungsmacht – beeindruckend. Was wäre diese Deutungsmacht in Verbindung mit dem antiken delphischen Orakel gewesen ? Julian kann mir also meine Meinung erklären. Und Ihnen. Als Dritter, wenn die beiden anderen keine Zeit haben, oder Raum.

Jetzt kommt vielleicht etwas Unruhe bei Ihnen auf, denn sie haben von Julian Nida-Rümelin noch nie was gehört. Das verwundert auch nicht, denn der ist meistens damit beschäftigt, sich wieder irgendein Amt im philosophischen Wissenschaftszirkus zuzulegen. Und er zieht Strippen. Julian hat als Minister zum Beispiel dafür gesorgt, dass es keinen Wettbewerb im Buchhandel gibt und die Buchpreise gesetzlich garantiert sind. Ein Markt, dessen einzige Preisregularie darin besteht, den Stempel „Mängelexemplar“ zu schwingen, wenn man die nicht sekretärinnentaugliche Hochliteratur nicht los wird. Buchpreisbindung nennt man das und ist etwas, was sich der funktionale Analphabet mal bei den Benzinpreisen wünscht. Klar – der wackere Streiter für die Kultur heimste dafür den Preis einer Lobbyorganisation ein, deren Märkte der Universalgelehrte gesichert hatte: „Förderer des deutschen Buches 2004“.

Und Julian zieht für eine vorgebliche Volkspartei die Strippen, die SPD.

Wirtschaftsgutachen für die Pop-Kultur

Und für diese SPD, maßgeblich für den dick.. großen Vorsitzenden Siggy Pop Gabriel hat er zusammen mit dem -ebenfalls- Philosophen Habermas und einem Herrn Bofinger ein Gutachten gezimmert, das dieser Siggy Pop als sein Rettungskonzept für den Euro präsentierte: „Die Professoren Habermas, Nida-Rümelin und Bofinger haben…“. Verwunderlich, dass kein Tiermediziner dabei war. Es sollte sie nicht verwundern, das der einzige, der sich als Wirtschaftswissenschaftler vielleicht mit dem Euro auskennt, dieser Herr Bofinger ist. Die anderen beiden reden nur gern über alles und klopfen sich danach die Schultern. Jetzt wird Julian natürlich nicht richtig verstanden. Philosophen neigen zu Panik, wenn ihre Aussagen unmittelbar in Tatkraft umgesetzt werden. Erstmal noch drüber reden. Käffchen, dazu Sieben-Ämter-Tropfen. Und da zeigt sich auch wieder das verborgene Universalgenie Julian Nida-Rümelin's: er kann wirklich über alles reden, aber bitte, belästigen sie ihn nicht mit Taten.

Ich las neulich mal wieder: „Gebt uns Lehrer, wir geben Euch Dichter und Denker“. Der natürliche Lebensraum eines solchen Aufklebers, die Heckklappe eines Volvo. Aber vor allem verkennt er eine Marktwahrheit: die Dichter-und-Denker-Stellen sind besetzt.

Das letzte Universalgenie

Man zog heute an meinem Orecchiette

Mea culpa, ich habe das Spaghettimonster beleidigt. Das scheint in den heutigen Zeiten das einfachste zu sein, was man so machen kann. Aufstehen, Zähne putzen, kacken, Spaghettimonster beleidigen.

Wenn dem Pastafari langweilig ist, dann fühlt er sein Spaghettimonster beleidigt und geht Fahnen verbrennen oder Morddrohungen aussprechen, wobei ungeklärt ist, ob der Lästerer dann im andersgläubigen Himmel als „Gerechter“ Harfe spielt oder als Sünder in der Spaghettimonsterhölle ohne Sosse auskommen muss.

Das Problem der Nudelgläubigen: die Beleidigung der Religion führt dem Pastafari immer wieder vor Augen, was für eine schlappe Nudel sein Gott doch ist, dass er nicht mal solche Schmähungen verhindern kann. Keine Blitze, überschwappende Sosse. Nichts, nicht mal beim morgendlichen „Spaghettimonster beleidigen“, das man folgenlos vor oder nach dem Zähne putzen veranstalten darf, oder beim Scheissen, wie’s beliebt. Ehrlich, beleidigen bringt’s nicht. Langweilig und existenzbegründend.

Was würde ein Pirat tun ?

Und im Grunde glaubt auch keiner der Gläubigen wirklich und fest. Denn sonst bräuchte er keine weltlichen Gesetze zum Schutz seiner Religion. Er könnte ja vollumfänglich auf die Strafe im Jenseits hoffen. Er muss also zur Vorsicht schon mal strafend in dieser Welt eingreifen, im Namen dessen, an dessen Existenz man damit zweifelt. Die einzige Möglichkeit, mit Schmähungen und der göttlichen Ohnmacht aus zukommen, ist doch, dass es dem Spaghettimonster scheiß egal ist, ob es geschmäht wird. Auch doof. Warum sollte man sich dann drüber aufregen ?

Aber ehrlich, mir sind die Shitstorms im realen Leben wichtiger als jede Beleidigung des Spaghettimonsters, dem deswegen auch nicht die Hackbällchen einfrieren.

Man zog heute an meinem Orecchiette

Drum eben

Auf Wiedersehen

Moment. So fängt man keinen Blogartikel an. Die meisten werden es kaum bemerken, aber wo sie schon mal hier sind, erkläre ich Ihnen gerne meinen Abschied bei Twitter.

Denn die Chance ist groß, daß Sie aus diesem Grund hier sind, schließlich erlaubte ich mir in meiner unendlichen Frechheit, auf Twitter auch noch auf diesem Blogartikel hinzuweisen.

Da sind sie nun, und ich bin an der Reihe, Erklärungen zu liefern und so will ich dann auch mal anfangen, bevor Sie, die eigentlich nur 140 Zeichen von mir gewohnt sind, wieder weg sind.

Zu Anfang sei erwähnt, daß das Goldspielzeug von Anfang an nur ein Experiment war. Ein Versuch, Spass am Schreiben von Hirnmüll und Nonsens zu haben und auch zu geben. Und einige schätzten durchaus, was das Goldspielzeug so von sich gab und das Goldspielzeug schätzte, wie viele Spässe weiter entwicklen konnten, aufgriffen und lachen konnten.

Regenbogennazis

Den ersten Riss erhielt das Konstrukt, als die Erkrankung einer mir unbekannten Twitterin durch Twitter getrieben wurde. Ohne Zweifel, sie hatte mein Mitgefühl, aber eben wie eine Fremde. Alles andere hielt ich für Heuchelei, die sich gruppendynamisch beinah zum Tod von Kim-Jong Il entwickelte. Und genau wie in Nordkorea wurden Twitterer gemobbt und erlebten Shitstorms, weil sie keinen „Mitgefühl“-Ava hatten. Ich hatte keinen Regenbogen, hielt aber auch die Klappe. Ich hatte Blockwartassoziationen und nahm mal wieder das Jugendbuch „Die Welle“ zur Hand. Wochen später verschwanden die ersten Regenbogen. Endete damit das Mitgefühl ?

Twitter lief weiter. Die wirklich mitfühlenden hatten ohnehin nichts zu erwarten. Das Tagesgeschäft der Eitelkeiten nahm wieder seinen Lauf.

Dann gingen ohne Vorankündigung plötzlich einige sehr geschätzte Mitstreiter, teilweise mit erheblichen Followerzahlen, von einem Tag auf den anderen.

Die Punschtorte

Im September ging die „Punschtorte“ und begründete das in seinem Blog http://www.punschtorte.de ausführlich. Als ich das las, schloss ich mich jedem seiner Worte an:

In dem einen Jahr, das ich etwa auf Twitter verbrachte, habe ich gemerkt, dass viel von der Leichtigkeit verschwunden war, die mich anfangs bei Twitter begeisterte. Rahmenlose Plauderei über selbst die abwegigsten Dinge. Ganz mein Fall also..

Jetzt hat diese Erkenntnis bei mir nur ein halbes Jahr gebraucht, fand aber ihren Tiefpunkt in einer weiteren Aktion gegen einzelne.

Am 12.09. stellte die bis dahin sehr gemochte Twitterin @wortgourmande fest, daß ihre Tweets massenhaft von jemandem geklaut wurden, derjenige bei Facebook damit glänzte und vielleicht sogar als Comedian damit Geld verdiente.Das kann man nicht gutheissen. In der Folge veröffentlichte ein selbsternannter „Schutzengel der Beklauten“ die Telefonnummer des Tweetdiebes, mit der Aufforderung, ihm „Grüsse auszurichten“. Ich kenne diesen Tweetdieb nicht, das geht natürlich nicht und die wortgourmande hat Recht, diesen Ideenklau zu stoppen. Aber nur sie.

Dazu aufzufordern, ihn anzurufen und ihm „Grüsse auszurichten“, überschreitet eine Grenze. So „arbeiten“ Nazis und andere Extremisten, und es ging hier „nur“ um eine lächerliche Urheberrechtsverletzung. Man kann nicht wissen, in welchem Zustand der Angerufene nach einer schlaflosen Nacht der Beschimpfungen war, ob überhaupt jemand angerufen hat. Allein daß man das in Kauf genommen hat, ist ungeheuerlich.

Nachtrag vom 14.09.2012

Der guten Frau @wortgurmande war selbst die Manifestation des von ihr unterstützten Leides wohl keine Entschuldigung wert, jedenfalls nicht im öffentlichen Raum. Warum sie sich bei mir entschuldigte, wird nie geklärt. Im Gegenteil, sie forderte ihre über 3000 Follower noch auf, dem Hetzer zu folgen. Bis heute, weil er „ein Guter ist“.

Weil die beklaute @wortgourmande sich leider von dieser Selbstjustiz nicht distanzieren wollte, setzte sie sich ins das gleiche Boot und verlor moralisch den Kampf um ihr Urheberrecht, denn wer jemandem wegen ein paar geklauter Tweets ein die Nacht durchklingelndes Telefon und vielleicht Drohanrufe wünscht, der hat auch nicht mehr meinen Respekt bei wohlfeilen Tweets.

Vielleicht werden Sie einwenden, das das ein Einzelfall war. Nein, Shitstormexperten erobern Twitter.

Mehr, mehr, immer mehr !

So manifestierte sich für mich die schwindende Leichtigkeit. Und wieder die Punschtorte:

Man ereiferte sich immer mehr in Ernsthaftigkeiten über einige Themen, die meiner Ansicht nach nie der Rede wert gewesen wären (bsp. Tweetklau), über die DM Schiene wurde ich versucht anzutuscheln, was wohl der-/ oder diejenige so erlebt / gemacht / gesagt hat und ich wurde das Gefühl nicht los, dass einige nur noch Tweets schrieben, damit man überhaupt regelmäßig in der TL auftauchte. Diese Tweets waren dann auch so minder witzig, dass ich mich manchmal fragte, warum man dann eben mal einige Zeit lieber nichts schreibt.

Es wurde unspassig. Einigen reichten wohl die Tweets nicht. Man wollte wissen, wer das Goldspielzeug war, was sie machte, wie sie aussah, wie groß ihre Brüste sind. Und genauso versuchte man mich auch anzutuscheln, wer dieser oder jener sei oder wie groß deren Brüste seien. Ich bin seit 19 Jahren aus der Schule raus, habe einen IQ über 70 und nicht mal die GALA abonniert, also bitte.

Weil ich mich damit überhaupt nicht wohlfühlte, gab es auch keine weiteren „Beweise“, daß ich aussehe, wie ich aussehe, daß ich bin, wer ich bin, daß ich mache, was ich mache. Es gab, was zu lesen war, mehr nicht. Ich zog mich zurück aus der sozialen Interaktion, die ich teils für Facebook-würdig hielt. Ich sendete nur noch.

Elite-Diskussionen und Twitterer, die nur mit Followern sprachen, die selbst mindestens 500 Follower hatten. Selbstverliebte Gockel, die ihre hohen Followerzahlen einfach nur ausgesessen hatten und witzig waren wie eine Halsentzündung gaben den Rest. Jeder Dornbusch, der durch einen Western rollt, war spannender.

Aber das war nicht das Twitter, das ich wollte und ich sehe keine Besserung. Ich kann keine viel besseren Worte finden als die der Punschtorte:

Aber ja, natürlich ist auch mehr als ein weinendes Auge dabei. Es ist schon eine Umstellung, nicht mehr morgens auf dem Weg zur Arbeit zu twittern und ich verbinde viele schöne Dinge und auch einige durchaus charismatische Personen mit Twitter, Männer wie Frauen. Letztlich ist Twitter eben doch das wirkliche Leben und auch da kann man sich nicht in steter Leichtigkeit suhlen. Schade eigentlich und dumm von mir, dass ich mich so davon blenden ließ.

Meine „charismatischen Personen“ wissen, daß ich sie meine und missen werde. Macht es gut und verschwendet Euch nicht. Wenn ich im Stammcafé sitze, denke ich an Euch.

Drum eben