Klassenkeile 2016

Den folgenden Blogartikel habe ich 2013 schon mal veröffentlicht. Aus Gründen leicht angepasst hier noch mal.

 

Es war Frühsommer, ’82, und da gingen mit den Heranwachsenden schon mal die Pferde durch. Niemand wollte in Warnwesten Fahrrad fahren oder der Fußhupe blinkende Halsbänder umhängen, weil die Gefahr vor allem aus dem „Russen“ bestand, wenn auch nicht konkret, wie wir heute wissen, und da hätten Warnwesten und blinkende Kleinköter wenig geholfen.

Kurt erlebte das schmerzhaft. Als Kind des ehemaligen Profifussballers Pomanek war er eine Zeit lang ein Star gewesen, bis sich das Talent von Grün-Weiss Bochum das Kreuzband riss. In roten Lackpumps, geschminkt mit Perücke und in einer Kneipe, die wenig mit Fußball, aber schon mit Bällen zu tun hatte – unrasierten. Das war nicht schick, aber die Pumps standen ihm jetzt auch nicht so schlecht, meinte jedenfalls Tante Schibulla und kicherte ihr Tantenlachen.
Das Kreuzband heilte, die Karriere natürlich nicht mehr.

Tante Schibulla – die mit dem Polen – sagte dazu nur „Es gibt ja nix, watt et nich gibt“.
„Bestimmt liecht et dran, dat die dat Röhrenwerk zugemacht ham“ kommentierte Opa Heinz diese Anekdote. Für „Opa“ Heinz, mit seinen 46 in die Frührente geschickt, weil sie das Röhrenwerk zugemacht hatten, lag immer alles daran, daß sie das Röhrenwerk zugemacht hatten. Auch, daß es Transvestitenkneipen gab, in denen sich Fußballtalente die Kreuzbänder ruinierten.

Aber das hielt uns nicht davon ab, Kurt in der Nahrungskette des Schulhofes ganz nach unten rutschen zu lassen und die Wakowiak-Brüder warteten nur wieder auf so eine Gelegenheit. Als Kurt dann auch auch noch mehr aus Versehen im Sportunterricht das Tor gegen Torwart Stefan Wakowiak schoss, war Bochum in Not, jedenfalls aus der Sicht der Kinder, die auch nachmittags noch ihre Stars der Bundesligavereine spielten.
Wir hatten 1982, da konnten sogar die Mädchen als Klaus Allofs spielen, der spielte ja nur für Köln und das ging dann eben noch so. Aber Männer durften eben noch keine Lackpumps tragen, auch wenn der NATO-Doppelbeschluss viel perverser war, meinte jedenfalls Herr Würtse, der damals immer im Bundeswehrparka kam, bei dem er sorgsam die Deutschlandfahne abgetrennt und einen riesigen „Atomkraft, Nein Danke“ auf seinem R4 ohne Katalysator hatte. Angeblich war er in Gorleben gewesen, was uns soviel interessierte wie Klaus Allofs vom 1. FC Köln. Da hätten wir eher in Ernst Kuzorra’s Tabakladen versucht, Zigaretten zu kaufen, als nach Köln zu fahren. Unser Horizont hörte hinter Stahlhausen auf.

Kurt hatte dann also dieses Tor gegen die Wakowiaks geschossen, der Sportunterricht war vorbei, Herr Dommer schickte uns in die Umkleiden. Da ging das Spiel schon los. Irgendjemand hatte Kurt’s Klamotten in die Dusche geworfen, es deutete sich klar eine Klassenkeile für Kurt an, die Wakowiaks wollten ihre anderen Brüder holen, was aber zu einer Überfüllung der Umkleide geführt hätte, weil die Wakowiaks unter Kindersegen litten wie andere unter Läusen oder Grützbeuteln. Die Wakowiaks litten eigentlich unter allen drei Plagen.

In Kurt’s Gesicht war nur helle Panik. Halb mit den nassen Sachen angezogen, verließ er fluchtartig die Umkleide, begleitet vom hämischen Gelächter gemeiner Kinder.Da in der Schule ein eisernes Regiment geführt wurde, verlagerten selbst die vigilanten Wakowiaks ihre Fehde auf die Strasse. Nach der Schulbimmel flüchtete Kurt deshalb auch schleunigst und lief seinem Vater, der jetzt Platzwart war, weil er seine Lehre als Maschinenschlosser für den Fußball aufgegeben hatte, direkt in die Arme.

„Ey, dat ich Euch da gleich ma rüberkomme !“ drohte der dann den Wakowiaks, die ohne die Übermacht ihrer Brüder sowieso kleinlaut das Feld räumten. Atempause für Kurt, Vater und Sohn zogen ab, Richtung Sportplatzkneipe. Kurt’s Vater konnte da anschreiben lassen und Kurt kickte in der C-Jugend, verschont von den Wakowiak-Brüdern, die sich das nicht leisten konnten. Kurt’s Vater leistete sich das, auch wenn er sein ganzes Geld aus der kurzen Fußballkarriere spätestens für Dortmunder Union verballert hatte und jeden Pfennig für Stutzen und Wechselstollen für Kurt zusammenkratzte.

In den nachfolgenden Tagen fand dann wieder dieses Katz- und Mausspiel statt, Kurt auf der Flucht. Bis an dem Dienstag, an dem ich an die Front gerufen wurde. Ich hatte sowieso keine Meinung zu den Wakowiaks, aber meine Ruhe, weil sie wussten, wie wenig Hemmungen ich hatte,  in die Wakowiak-Juwelen zu treten. Diesmal lief Kurt nicht seinem Vater in die Arme, sondern eher mir. Als die Verfolger das sahen, verlangsamten sie und blieben auf Armlänge stehen, Kurt hinter mir. Irgendwie war ich da im Boot, die Wakowiak-Brüder drehten ab. Irgendwie verlief sich das ganze in den folgenden Wochen.

Gestern traf ich Stefan Wakowiak, dem ich damals die Krätze und krumme Beine an den Hals gewünscht hatte, über den Weg. Im Baumarkt. In „seinem“ Baumarkt. Vater Wakowiak hatte nämlich die meisten seiner Blagen davon abgehalten, unter Tage oder ins neue Röhrenwerk zu gehen. Und so hatte Stefan Wakowiak damals bei Max Bahr angefangen, so einige Filialen durchzogen. Jetzt macht „sein“ Max Bahr dicht, Insolvenz.  Er hatte schon seine Kündigung in der Tasche. 4 Kinder – Wakowiak’s Fluch- und keine Perspektive auf dem Arbeitsmarkt.

Ich hatte sowas wie Mitgefühl, auch wenn’s der Wakowiak war, dieser Quälgeist meiner Schulzeit, meine Nemesis, die Wakowiak-Hydra, die eklig in jedem Jahrgang nachwuchs, wenn man dachte: „Endlich wieder einer ohne Abschluss weg“

Aber gestern war da keine späte Befriedigung, erfülltes Gerechtigkeitsgefühl vor diesem gescheiterten Menschen. denn aus dem Unglück selbst des größten Feindes kann niemand anderem Glück erwachsen.

 

(alle Namen geändert, ausser Max Bahr und Klaus Allofs)

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